Facebook is watching you!

Wollen wir tatsächlich dauerüberwachte Bürger eines elektronischen Welt-Staates namens Facebook werden? Wenn nicht, ist der Ausstieg aus der Social-Network-Droge der einzige verbleibende Weg!

Von: Ursula Seiler

Für 19 Milliarden Dollar könnte man Island kaufen – und hätte noch fünf übrig, oder die weltweite Musikindustrie und bliebe auf drei Milliarden sitzen. Man könnte auch dieAmerican Airlines plus die fünf wertvollsten je verkauften Gemälde anschaffen und sich dann überlegen, wie man die noch verbleibenden drei Milliarden verprasst. Man könnte sich auch für den USS Ford Flugzeugträger plus die gesamte französische TGV-Flotte entscheiden oder etwa für ganz Jamaika und immer noch wäre nicht alles Geld weg. Hätte man etwas Sinnvolles im Sinn und möchte dereinst weltweit eigene Denkmäler von oben betrachten, dann könnte man die ganze Erde mit sanitären Anlagen für sauberes Trinkwasser versehen – und hätte immer noch fast die Hälfte des Geldes übrig.

Mark Zuckerberg kaufte sich mit diesen 19 Milliarden Dollar WhatsApp. Was ist WhatsApp? Eigentlich ist WhatsApp die Möglichkeit, etwas (beinahe) gratis zu tun, was sonst etwas kosten würde. Nämlich Nachrichten vom modernen Smartphone übers kostenlose Internet zu verschicken, statt übers zu bezahlende Mobilfunknetz, sofern man eine mobile Internetflatrate hat. Bis jetzt ist die Nutzung von WhatsApp für ein Jahr gratis. Danach bezahlt man eine Jahresgebühr von 0,89 Euro pro Jahr. WhatsApp ist bislang auch werbefrei, was seine Beliebtheit nur noch steigert. Gegenwärtig nutzen etwa 450 Millionen Menschen im Jahr den Dienst, um mit Freunden zu kommunizieren. Kostenlos. Und zigmilliardenmal täglich. Das war Mark Zuckerberg 19 Milliarden Dollar wert.

Nun ja, sein Facebook wird ja schließlich auch auf um die 100 Milliarden Dollar beziffert, zehn Jahre nach dessen Entstehen. Das sind rund 14 Milliarden mehr, als Mercedes Benz (30 Mia.), BMW (29 Mia.), Adidas (6,7 Mia.) und die Deutsche Bank (20 Mia.) zusammen wert sind. Wir wissen, was wir von letztgenannten Firmen erhalten: Gute Autos, Sportartikel, Geld. Was erhalten wir eigentlich von Facebook? Die Möglichkeit, unser Innerstes Hunderten oder Tausenden „Freunden“ preiszugeben (von denen 99 Prozent nicht unsere wirklichen Freunde sind und davon gar nichts wissen wollen). Wer aber gerne etwas davon wissen will, sind Firmen wie Mercedes, BMW, Adidas und zahllose andere. Und für die ist Facebook das schönste Werbe-Eldorado, das sie sich erträumen können. Wo sonst erfahren sie – wie bei Facebook über den ‚Like’-Knopf – sofort, was wie gut bei der Zielgruppe ankommt? Wo kann man so leicht nachverfolgen, wer was gerne sieht, hört, konsumiert? Weshalb Facebook schon so vollgestopft ist mit ‚Werbeunterbrechungen’, dass ihm die jungen Leute davonzulaufen beginnen. Denn es ist eines, sich unbewusst zum Produkt zu machen – aber etwas ganz anderes, ständig als Produkt behandelt zu werden. Und dessen muss man sich bewusst sein: Wo immer man etwas gratis bekommt, da ist man nicht der Kunde. Da ist man das Produkt!

Die 19 Milliarden, die Mark Zuckerberg für WhatsApp bezahlt hat, sind auch nicht so real, wie sie scheinen. 15 Milliarden schiebt er in Form von Facebook-Aktien über den Tisch; und je nachdem, wie sich deren Kurs entwickelt, bläht sich das Aktiensoufflée schön auf – oder aber fällt zu einem feuchten Klecks zusammen. Was nicht ausgeschlossen ist, wenn der Exodus der jungen Nutzer weiterhin anhält. Sie verlassen Facebook auch, weil sie erkannt haben, welche Tücken es haben kann, wenn Facebook sofort das Copyright auf alles hat, was sie dort einstellen – ohne zeitliche Begrenzung.[1]

Gläserner Stellenbewerber

Am Anfang ahnten die meisten Facebooknutzer nichts Böses, wenn sie sich munter im Netz selbst darstellten – was ja ein immer größeres Bedürfnis immer größerer Menschenmassen zu sein scheint. Wie bös das Erwachen sein kann, schildert Sascha Adamek in seinem BuchDie Facebook-Falle – Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft: Ein IT-Experte hatte die letzte Bewerbungsrunde eines großen Kommunikationskonzerns erfolgreich überstanden und war unter zehn Bewerbern als neuer Leiter der Technologie-Sparte ausgewählt worden. „Die Freude währte indes nicht lange. Denn schon nach vier Tagen war die Sekretärin gar nicht mehr so nett wie am Anfang und der fünfte Arbeitstag war denn auch schon sein letzter. In der Personalabteilung überreichte ihm ein Herr, den er bis dato noch nie gesehen hatte, ein Schreiben der Konzernleitung, seine Entlassung. Entgeistert erhaschte er gerade noch einen Blick auf ein Foto, das ihm sein Gegenüber unter die Nase hielt. Es zeigte ihn nackt in einem Kreis von nackten Frauen und Männern. Und alle hatten eine Kerze auf dem Kopf. (…) Unser erfolgreicher Bewerber wurde nicht wegen Mitgliedschaft in einer esoterisch angehauchten Meditationsgruppe entlassen, sondern weil sein Foto mitsamt Namen im Netz stand.“

Heutzutage recherchieren die meisten Firmen bereits, ob wichtigere Stellenbewerber Spuren in sozialen Netzwerken gelegt haben. Etwas scheinbar so harmloses wie Partybilder beeinflussen laut Umfrage bei 46 Prozent der Firmen die Auswahl negativ. Lebensläufe und Vorlieben der Bewerbung werden mit Einträgen auf Facebook & Co. verglichen – Beschönigungen kommt man so leicht auf die Spur, was 49 Prozent der Firmen gar nicht mögen. Die größte Ablehnung schlägt jedoch Bewerbern entgegen, die sich irgendwo im Netz schon einmal negativ über ihre Arbeit oder das Arbeitsumfeld geäußert haben.[2] Je wichtiger der zu vergebende Posten, desto intensiver wird im Netz über die Bewerber recherchiert. Da gibt es dann eine neue Form der Sippenhaft: Gecheckt werden nicht nur die Bewerber selbst, sondern auch deren Familienumfeld und Freundeskreis. Professionelle Rechercheure klopfen das Netz ab auf der Suche nach Affären, unbekannten Zweitwohnungen, sexuellen Vorlieben, welche den Bewerber später erpressbar machen würden. Da kann dann ein Sohn oder eine Tochter oder auch ein Enkel das Aus für die Karriere bedeuten, wenn sie sich in Milieus tummeln, die sich so gar nicht mit einer noblen Firma vertragen – obwohl der Bewerber vielleicht gar nichts von den Vorlieben seines Nachwuchses ahnte. Denn sosehr sich jetzt alle Sorgen um die Schnüffeleien der NSA machen: Otto Normalverbraucher braucht keinen Geheimdienst, um sich bloßzustellen. Er macht das ganz von selbst.

Globaler Staat ‚Facebook’

Die Vision Mark Zuckerbergs ist ja, dass Facebook ein übernationaler Weltstaat werden soll, und wer immer sein Konto dort löscht, macht sich zu einem Heimatvertriebenen. Überflüssig zu sagen, dass wir alle den ‚Big Brother’ akzeptieren, der uns dort pausenlos überwacht – indem wir ihm mitteilen, was wir kaufen, was wir mögen, wo wir uns befinden u.v.m. Facebook macht nicht einmal ein Geheimnis daraus. „Wir verfolgen einige deiner Handlungen auf Facebook“, sagt die Firma ganz offen in den Nutzungsbedingungen. Zuckerberg möchte auch Suchdienste wie Google mit der Zeit aus dem Rennen werfen, indem alle Facebooknutzer alle Suchanfragen von ihrem ‚Internetstaat’ Facebook aus lancieren – so verkündete es Zuckerberg im Oktober 2010. Quelle: zeitenschrift.com