Gesucht: Ein neues Utopia!

Etwas ist faul – nicht nur im Staate Dänemark, sondern auf Planet Erde. Vielleicht erstmals in ihrer Geschichte glauben die meisten Menschen nicht mehr an Utopien – daran, daß auch eine ganz andere, viel schönere und bessere Existenz möglich wäre. Dabei gibt es Utopias, die hier und heute real existieren und schon von Menschen besucht worden sind.

Von: Ursula Seiler

„Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre es nicht wert, das man einen Blick auf sie wirft, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet“, schrieb Oscar Wilde, der irische Dramatiker (1854-1900) zu einer Zeit, in der die Menschen noch an Utopien glaubten. Das Wort, das vom griechischen ou topos, stammt, was „noch nicht am geschichtlichen Platz, aber zukünftige Wirklichkeit“ bedeutet, hat im Laufe eines von Kriegen geschüttelten und von zerbrochenen Idealen zerrütteten 20. Jahrhunderts allmählich im Bewußtsein der Menschen eine andere Bedeutung bekommen. So definiert das Duden-Fremdwörterbuch heute Utopie als „unausführbar geltenden Plan, ohne reale Grundlage“. Der österreichische Aphoristiker Gerald Dunkl geht jedoch dem wahren Sachverhalt stärker auf den Grund: „Von ‚Utopie’ spricht man für gewöhnlich dann, wenn man etwas nicht ändern will und nicht, wenn man etwas nicht ändern kann.“

Der Begriff selbst geht zurück auf einen im Jahre 1516 in „unnachahmlich graziösem Latein“[1] verfaßten philosophischen Dialog des englischen Humanisten und späteren Staatsmannes Thomas Morus (1478-1535). Die Erstveröffentlichung geschah auf Betreiben des berühmten Humanisten Erasmus von Rotterdam in Löwen, weitere Drucke folgten 1517 in Paris und 1518 in Basel. Die erste deutsche Übersetzung – unter dem Titel Von der wunderbarlichen Innsul Utopia genannt, das andere Buch – erschien 1524. Thomas Morus kreierte damit zwar eine „neue These“; dabei stützt er sich aber auf Platon (Politeia, Nomoi),Cicero und andere Gelehrte vor ihm.

Die Rahmenhandlung besteht aus den Erzählungen eines Seemanns namens Raphael Hythlodeus, der eine Zeit lang im weit entfernten Land der Utopier gelebt haben will. Das Buch war so prägend, daß man fortan jeden Roman, in dem eine erfundene, positive Gesellschaft dargestellt wird, als Utopie oder utopischen Roman bezeichnete.

Der erste Teil des Werks hat eine Rahmenhandlung zum Inhalt, in der eine ausführliche Kritik an den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen Europas, insbesondere Großbritanniens, geübt wird. Morus erklärt zum Beispiel, daß er die Todesstrafe für Diebe in Großbritannien unpassend findet, da es durch die harte Bestrafung für den Dieb keinen Unterschied mache zu stehlen oder zu morden. Der zweite Teil wird im Wesentlichen von der Schilderung der Organisation des Staats und der Lebensverhältnisse der Bewohner Utopias ausgefüllt.

Man erfährt, daß die Utopier in den Städten in Familienverbänden leben, daß erwachsene Geschlechtspersonen eine monogame Ehe eingehen und eine allgemein patriarchalische Hierarchie herrscht, bei der die Älteren über die Jüngeren bestimmen. Überfamiliär ist die Gemeinschaft klosterähnlich organisiert mit Gemeinschaftsküche und gemeinsamen Speisungen. Ein jährlich gewählter Vorsteher hat die Aufsicht über einen Familienverband von dreißig Familien. Privateigentum existiert nicht, jeder bekommt unentgeltlich die von der Gemeinschaft produzierten Güter für den persönlichen Bedarf zugeteilt, die er begehrt. Männer und Frauen arbeiten als Handwerker sechs Stunden am Tag. In welchem Handwerk ein Bürger ausgebildet wird, kann er selbst entscheiden. Es besteht Arbeitspflicht, und turnusgemäß werden die Utopier aufs Land verschickt, wo sie gemeinschaftlich Ackerbau betreiben. Für Kinder besteht Schulpflicht. Besonders Begabte erhalten eine wissenschaftliche oder künstlerische Ausbildung. Die wissenschaftlichen Vorlesungen sind öffentlich, sie zu besuchen ist die beliebteste Freizeitgestaltung der Utopier. Besonderen Wert legen die Bürger auf eine für jeden Kranken optimale Krankenversorgung. Männer und Frauen üben regelmäßig für den Kriegsdienst. Kriegsverbrecher und Straftäter, teils als Todeskandidaten aus dem Ausland gekauft, müssen Zwangsarbeit leisten. In der säkular organisierten Gemeinschaft herrscht religiöse Toleranz.

Staatsform ist die Republik. Jede Stadt wird von einem Senat regiert, der sich aus Wahlbeamten auf Zeit zusammensetzt. Das Staatsoberhaupt ist auf Lebenszeit gewählt. Wichtige Entscheidungen werden durch Volksabstimmung getroffen.

Beim Verfassen seiner Schrift bediente sich Thomas Morus einer gewissen Ironie. Heute mag uns sein Utopia in vielerlei Hinsicht als vertraute Wirklichkeit erscheinen, doch damals stellte es eine klare Antithese zur herrschenden Wirklichkeit dar. Ob Morus die Ironie benutzte, um nicht öffentlich der Phantasterei bezichtigt zu werden oder aber, um beim Leser weniger Entrüstung und offene Opposition hervorzurufen, wissen wir nicht.

Jedenfalls beginnt Morus geschickt im Vorwort ein ironisches Spiel mit der Frage, ob Utopia wirklich existiert oder bloß eine Fiktion sei. Wie erwähnt stellt auch der Name Utopia selbst dessen Realität in Frage, soll es sich doch um ein Wortspiel mit den griechischen Bezeichnungen Outopi (Οὐτοπεία) und Eutopia (Εὐτοπεία) (übersetzt „Nichtort“ und „glücklicher Ort“) handeln. Die ironische Brechung wird fortgesetzt, indem der Autor selbst namentlich in seinem Roman auftritt und hierbei den skeptischen Dialogpartner des Berichterstatters über Utopia spielt. Dieser Berichterstatter trägt zudem den seltsamen Namen „Hythlodäus“, was in deutscher Übersetzung soviel wie „Possenreißer“ heißt. Und während der Titel auf Lateinisch „den besten Staat“ ankündigt (De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia), gibt Morus als namentlicher Protagonist seines eigenen Werkes zu, daß einiges an Utopia zwar durchaus wünschbar sei, er hingegen an eine Verwirklichung der Utopie (in Europa) nicht glaube und eigentlich nur aus Höflichkeit bestimmten Punkten der lobenden Schilderung Hythlodäus’ nicht widersprochen habe. So hält Morus geschickt alle Argumentationsrichtungen dialogisch in der Schwebe und ermöglicht dem kritischen Leser, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Utopia auf dem Prüfstand

Wie schon gesagt, erscheint uns vieles an Morus’ Utopia wohlvertraut – beispielsweise die Republik als Staatsform, die Wählbarkeit der Staatsleiter und Volksabstimmungen zu wichtigen Themen, das Leben im Familienverband und in der (offiziell!) monogamen Ehe; Männer und Frauen, die arbeiten (wenn auch leider mehr als die von Morus propagierten sechs Stunden im Tag), das Recht der freien Berufswahl, die Schulpflicht für Kinder und Förderung der Begabtesten, die allgemeine Krankenversorgung und der Kriegsdienst (wenn auch für Frauen freiwillig) sowie auch die religiöse Toleranz in einem säkularen Staat. All dies war zu Morus’ Zeit keineswegs gesellschaftliche Normalität, ansonsten es ja nicht in seiner utopischen Idealgesellschaft hätte stattfinden müssen.

Morus war hinsichtlich all dessen also ein echter Visionär, und seine „Phantasterei“ spätere geschichtliche Wirklichkeit, ganz so, wie es der französische Dichter und Politiker Alphonse de Lamartine (1790-1869) schon gesagt hatte: „Die utopischsten Träume sind oft nur vorzeitige Wahrheiten.“

In zweierlei Hinsicht jedoch weigert sich die Menschheit bis heute, die „utopischen Träume“ des Thomas Morus zu erfüllen: Zum einen in der Weigerung, die Interessen des Einzelnen hinter die Interessen des Gemeinwohls zu stellen, wie es die Utopier taten. Bei ihnen wurde der Egoismus, der zu Sündhaftigkeit und triebhafter Unmoral führt, als fundamentales Störelement des Gemeinschaftssinns und damit des gerechten Ausgleichs der Lebensverhältnisse und der Gemeinschaftsinteressen betrachtet. Ganz im Gegenteil dazu brachte das Zeitalter der Industrialisierung eine Ich-Gesellschaft kaum je gekannten Ausmaßes hervor, wo jeder sich als König seines eigenen kleinen Reiches fühlt und – nicht wie edle Monarchen dies tun – sich als Diener des Lebens benimmt, sondern sich als vermeintlicher Herrscher über das Schicksal gebärdet, das sich ihm, bitte sehr, willfährig unterwerfen soll.

Der zweite Aspekt, in welchem sich die Menschheit vollkommen in die Gegenrichtung von Morus’ Utopie entwickelte, hängt stark mit dem ersten der Ego-Betontheit und damit des gesellschaftlich anerkannten Egoismus zusammen: Die großen Unterschiede zwischen Reich und Arm. In Morus’ Utopia gab es kein Privateigentum, und so verschreckte schon zu seinen Zeiten kaum etwas an seinem Gesellschaftsmodell die Menschen so sehr, wie das Plädoyer des fiktiven Berichterstatters über Utopia für die Abschaffung des Privateigentums:

„Indessen … scheint mir – um es offen zu sagen, was ich denke – in der Tat so, daß es überall da, wo es Privateigentum gibt, wo alle alles nach dem Wert des Geldes messen, kaum jemals möglich sein wird, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben, es sei denn, man wäre der Ansicht, daß es dort gerecht zugehe, wo immer das Beste den Schlechtesten zufällt, oder glücklich, wo alles an ganz wenige verteilt wird und auch diese nicht in jeder Beziehung gut gestellt sind, die übrigen jedoch ganz übel … Wenn ich das, wie gesagt, bedenke, werde ich dem Platon besser gerecht und wundere mich weniger, daß er es verschmäht hat, solchen Leuten überhaupt noch Gesetze zu geben, die die gleichmäßige Verteilung aller Güter ablehnten.“

So wundert es denn nicht, daß es bei den Utopiern kein Gold (Geld) gibt.

Durch Überproduktion und daher notwendigen Außenhandel häuften sie jedoch ungewollt ausländisches Geld an, ließen es jedoch nicht in die eigene Gesellschaft einfließen. Sie benutzten das unfreiwillig vom Ausland erworbene Geld, um Söldnerheere oder Handel zu betreiben. Denn, wie erwähnt: Die weisen Utopier selbst schätzten es ganz und gar nicht.

Gier und Geld

Kommunisten mögen triumphierend Thomas Morus als einen Verfechter ihrer Staatsform zitieren: Kein Privateigentum, alles gehört allen und alle haben etwa gleich viel. Allerdings war der sogenannte Kommunismus der jüngeren Geschichte alles andere als das – erstens, weil erneut eine kleine Schicht diesmal selbsternannter Privilegierter den ganzen Reichtum an sich riß und den Massen kaum genug zum Leben ließ; zweitens, weil er von außen aufgezwungen wurde, von Menschen für Menschen, welche beide nicht die innere Entwicklung vollendet hatten, die sie zu selbstlosen und freiwillig auf eigene Habe verzichtende Individuen machte. Und wann immer Zwang angewendet werden muß, entsteht Druck, welcher letztendlich die zarte, kleine Blüte einer neuen Ideologie – oder Utopie – zu Matsch zertritt.

Obwohl die Menschheit auch hinsichtlich der persönlichen Freiheit des Individuums seit Thomas Morus’ Zeiten große Fortschritte gemacht haben mag, so sehr scheint sie sich nun selbst an den beiden Fallstricken, die sie nicht ablegen mag – krasser Egoismus und Gier nach Geld, Macht und Gütern – selbst zu ersticken. Interessanterweise hat uns die Wirtschaftskrise – die, wie uns stets eingepaukt wird, keineswegs vorüber sei und ihren Tiefpunkt erst noch erreichen werde – an einen kritischen Punkt gebracht: Schafft es die Menschheit, aus ihrem Herzen heraus nun krassen Egoismus und Gier abzulegen, nimmt sie der Krise die Härte und überwindet sie in einer Form, die zu einem neuen Verantwortungsbewußtsein für den Nächsten – zu einer Art wirklicher „Brüderlichkeit“ führen kann. Schafft sie es nicht, zieht sich die Schlinge immer enger – da um die „Armen“, die immer weniger haben, dort um die „Reichen“, die sich mit zunehmender Kriminalität konfrontiert sehen werden. Denn soziale Abgründe führen dazu, daß der Habenichts sich mit Gewalt holt, was ihm vorenthalten wird. Beide sind um den Schlaf gebracht, und statt füreinander da zu sein und einander zu helfen – der Reiche mit Geld, der Arme mit Arbeit – werden neue feindliche Fronten gebildet, die sich nicht an Landesgrenzen halten, sondern quer durch Quartiere und Dörfer gehen.

Die Welt ist, wie man sie sieht

„Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet“, wußte im 19. Jahrhundert der deutsche Dichter Heinrich Heine. „Die Welt ist ein Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist“, murrte im 20. Jahrhundert der österreichische Journalist und Dramatiker Karl Kraus. Beide machen Aussagen zur heutigen Zeit. Die Masse der Menschen würde sich wohl eher in der mürrischen Aussage Kraus’ wiederfinden, beziehungsweise die Welt als nicht allzu herrliche diagnostizieren. Die Masse der Menschen hat den Geist auch in die Flasche gesperrt und den Korken tief reingestoßen. Die Menschheit von heute huldigt dem Geld, nicht dem Geist. Und deshalb hat sie es so schwer, die Erde herrlich zu finden und das Leben schön.

Quelle: zeitenschrift.com