Glaube – Wahre und falsche Heilige

Jahrhundertelang wurde heiliggesprochen, wer möglichst viel im Namen der Kirche erlitten hatte. Es war dies eine willkürliche Heiligkeit, die noch dazu den Nachteil hatte, erst Jahre nach dem Tod zu beginnen. Es gibt aber auch die echte, die von innen kommt, grundsätzlich für jeden Menschen erreichbar ist und erst noch bedingungslos glücklich macht. Und all dies, während man noch auf Erden weilt.

Sie gilt als Heilige. Als Ikone der Selbstaufopferung. Als Beispiel eines Glaubens, der sich nicht durch Worte, sondern Werke auszeichnete. In Wirklichkeit aber vegetierte sie in der Dunkelheit der Gottferne. „Das Lächeln“, schrieb sie, „ist eine Maske“. Mutter Teresa, auf dem Weg zur Heiligsprechung durch die katholische Kirche – selig gesprochen ist sie bereits – lebte die letzten fünfzig Jahre ihres Lebens in Gottverlassenheit. „Wofür arbeite ich? Wenn es keinen Gott gibt – kann es keine Seele geben – wenn es keine Seele gibt, dann, Jesus – bist Du ebenso nicht wahr“. Ihre Seele, schrieb sie, sei wie ein „Eisblock“. Als sie am 11. Dezember 1979 in Oslo den Friedensnobelpreis erhielt, sagte sie am Schluß ihrer Rede, daß Weihnachten die Welt daran erinnern sollte, „daß strahlende Freude real ist“, da Christus überall sei – „Christus in unseren Herzen, Christus in den Armen, denen wir begegnen, Christus im Lächeln, das wir verschenken und erhalten“.

Weniger als drei Monate davor hatte sie ihrem geistlichen Vertrauten, Reverend Michael van der Peet die schreckliche Wahrheit darüber offenbart, wie sie selbst Christus empfand: als abwesend. „Jesus hat eine sehr besondere Liebe für Sie“, schrieb sie van der Peet. „[Doch] was mich betrifft, sind das Schweigen und die Leere so groß, daß ich schaue und nicht sehe, daß ich hinhöre und nichts vernehme, daß meine Zunge sich im Gebet bewegt, aber nicht spricht (…) Ich will, daß Sie für mich beten – damit ich Ihm freie Hand lasse.“
Die Zitate entstammen privaten Briefen, die Mutter Teresa verbrannt sehen wollte – ein Wunsch, dem sich die Kirche nach ihrem Tod widersetzte. Weshalb, mag man sich fragen, publiziert die Kirche etwas, das ihre letzte große „Heilige“ so unvorteilhaft entblößt? Weil, so seltsam dies erscheinen mag, die 50jährige Glaubens- und Seelenpein von Mutter Teresa in den Augen der Kirche ihre Heiligkeit nur noch steigert. Nach dem Motto: Richtig heilig ist erst, wer seinen Status mit einem Maximum an Leiden errungen hat.

Es ist dies typisch für die Glaubensauffassung des Fische-Zeitalters. Um heiliggesprochen zu werden, mußte man in irgendeiner Form ein Märtyrer sein; und dem Heiligsein nahe konnte man am ehesten durch ein Leben kommen, das auf Verzicht, Leiden und Selbstaufopferung gegründet war. Es gab Gott da oben und uns da unten, und dazwischen eine riesige, gähnende, unüberwindbare Kluft. Und das Ideal blickte jeden Gläubigen vom Kreuz herab an, ihm unterschwellig Schuldkomplexe vermittelnd: Wenn der Herr solche Qualen litt, dann müssen wir es auch, um Ihm zu gefallen.

Genau solcher Art war der Glaube von Mutter Teresa. 1951 schrieb sie, daß die Passion der einzige Aspekt von Jesu’ Leben war, den sie teilen wollte: „Ich will (…) EINZIG von Seinem Kelch des Leidens trinken.“ So geschah es dann auch.

Mutter Teresas Leben ist exemplarisch für ein von der Kirche fehlgeleitetes Christentum. Statt dem Zitat Jesu’ nachzuleben, noch größere Werke als die Seinen zu vollbringen (Joh. 14,12), etablierte die Kirche eine Religion der Unterdrückung, der Unlogik und der Unerlösung. Denn keinem sollte es möglich sein, selbst zum Christus zu werden, oh nein! Geschäfte ließen sich nur mit sündigen Büßern machen, die in ständiger Angst vor dem ewigen Fegefeuer lebten.

Wenn wir nun das Leben von Mutter Teresa (* 26. August 1910 in Skopje, † 5. September 1997 in Kalkutta) etwas genauer betrachten, so geschieht dies nicht, um sie zu verurteilen, sondern allein, um zu zeigen, daß die alten Wege uns nicht zu den „neuen Himmeln“ eines neuen Zeitalters führen können. Weil sie uns in die Sackgasse der Selbstanklage leiten, statt auf den steilen Pfad zur Selbst-Verwirklichung – der Verwirklichung unseres eigenen, göttlichen Selbst.

Jesus heiraten!

Zeitlebens sorgte Mutter Teresa dafür, daß ihre frühen Jahre nicht aus dem Dunkel der Vergangenheit gezerrt wurden. Zeitlebens gab sie niemals preis, was sie denn eigentlich bewogen hatte, den Schleier zu nehmen. Dem Autor Gezim Alpion1 gelang es, ihre Spuren aufzuspüren – wenn es denn wirklich die richtigen sind.2 Jedenfalls behauptet er, daß die junge Albanerin Agnes Gonxha Bojaxhiu (ihr weltlicher Name) als Neunjährige ihren Vater verloren habe. Er wurde mit 45 Jahren als ein bekannter Verfechter der albanischen Unabhängigkeit von vermutlich serbischen Opponenten vergiftet. Alpion postuliert, daß sie diesen Verlust niemals verwunden und sich Jesus als „sicherem“ Ersatzvater zugewandt habe, der sie niemals verlassen würde. 1931 legte sie ihr erstes Gelübde als Nonne ab. „Wenn du wüßtest, wie glücklich ich bin als Jesu’ kleine Braut“, schrieb sie voller Begeisterung einer Freundin. 1948 erhielt sie die Erlaubnis, ihre eigene Gemeinde zu starten. Allerdings mußte sie dafür ein bißchen nachhelfen.

Der Ruf, zu den Armen zu gehen, sei von Jesus selbst gekommen, behauptete Mutter Teresa. Du bist zu meiner Gattin für meine Liebe geworden (…) Hast du Angst, einen Schritt mehr zu tun für deinen Gatten – für mich – für Seelen? Ist deine Großzügigkeit kalt geworden? Bin ich zweitrangig für dich? soll Jesus sie gefragt haben. Und sie antwortete, Jesus, mein eigener Jesus – ich bin nur Dein – ich bin so dumm – ich weiß nicht, was ich sagen soll, doch tue mit mir, was immer Du willst, wie Du willst und solange Du willst. Warum kann ich keine perfekte Loreto-Nonne sein – hier – warum kann ich nicht wie jeder andere sein?

Und Jesus habe ihr geantwortet: Ich will indische Nonnen, Missionarinnen der Barmherzigkeit, die mein Feuer der Liebe sind, unter den Armen, den Kranken, den Sterbenden und den kleinen Kindern (…) Du bist, wie ich weiß, die unfähigste Person dafür – schwach und sündig, doch gerade weil du das bist – will ich dich für meine Herrlichkeit verwenden. Wirst du ablehnen?

So habe das Gespräch stattgefunden, schrieb sie Erzbischof Ferdinand Périer im Januar 1947, und zwar, als sie im Herbst des Vorjahres in Darjeeling auf Erholungsurlaub weilte. Als der Erzbischof zögerlich reagierte, bombardierte das „kleine Nichts“, wie sie sich gern selbst bezeichnete, ihn mit Forderungen, daß er die Bewilligung von der lokalen apostolischen Delegation, ihrer Ordensvorsteherin, ja dem Papst selbst einholen solle. Und als alles nichts nützte, enthüllte sie ihm ihren angeblichen Dialog mit Jesus. Ein Jahr später gab Périer ihr schließlich die Erlaubnis, nachdem er den Vatikan konsultiert hatte.

Als Teresa kurz darauf nach einem medizinischen Basiskurs ganz allein in die Straßen der Ärmsten von Kalkutta aufbrach, war ihre „Seele gegenwärtig in vollkommenem Frieden und Freude“, wie sie festhielt. Doch schon zwei Monate später, kurz nachdem sie einen triumphalen Sieg errungen und einen Ort für ihr Hauptquartier aufgetrieben hatte, wurde alles anders. „Was für Qualen der Einsamkeit“, schrieb sie. „Ich frage mich, wie lange mein Herz so wird leiden müssen.“ Je mehr Erfolg Teresa nun hatte – und nur ein halbes Jahr darauf waren so viele junge Frauen ihrer Gemeinschaft beigetreten, daß sie sich nach einem neuen Heim umsehen mußte – desto schlimmer fühlte sie sich. Im März 1953 schrieb sie Périer, er solle für sie beten, damit der Herr sich ihr zeigen möge, denn „da ist so eine schreckliche Dunkelheit in mir, als ob alles tot wäre. So ist es mehr oder weniger gewesen, seit ich ‚das Werk’ begonnen habe.“ 1955 klagte sie Périer: „Je mehr ich Ihn will, desto weniger bin ich willkommen.“ Und noch ein Jahr später: „Solch tiefes Verlangen nach Gott – und (…) zurückgewiesen – leer – kein Glaube – keine Liebe – keine Begeisterung. – [Das Erretten von Seelen] hat keine Anziehung – der Himmel bedeutet nichts – bitte bete für mich, damit ich Ihn weiterhin anlächeln kann, trotz alledem.“ Auch in den Achtziger Jahren sprach sie noch von „meiner Dunkelheit“ und von Jesus als „vom Abwesenden“. Fünf Jahre nach dem Nobelpreis notierte ein Jesuitenpriester, Mutter Teresa habe zu ihm über die „qualvolle Nacht in ihrer Seele“ gesprochen. Es sei „keine vorübergehende Phase gewesen, sondern habe Jahre angedauert.“ Fast fünfzig, um genau zu sein. Und noch 1995 erwähnte sie in einem Brief ihre „geistige Trockenheit“. Sie starb 1997.

Eine Tragödie

Wer hätte das geahnt? Obwohl das erloschene Licht ihrer Augen genau diese Dunkelheit der Seele zum Ausdruck brachte, sah die Welt ihre Pein nicht. Macht sie diese nun erst recht zu einer Heiligen, wie viele gute Katholiken finden? Oder ist in ihrem Leben irgend etwas gründlich schief gelaufen? Und wenn ja, was? An Kritik von weltlicher, ja atheistischer Seite mangelt es nicht – sie sei mehr im Privatjet in der Welt herumgereist, als daß sie sich noch um die Armen gekümmert habe; sie sei der beste Werbeträger für den Vatikan gewesen und habe 700 Niederlassungen gegründet, in einer Zeit, da die Klöster mangels Nachfrage schließen müssen; und sie habe zudem maßlos übertrieben mit der Größe ihrer Hilfsunternehmung und Millionen aus sehr dubiosen Quellen angenommen – von verurteilten Bankbetrügern ebenso wie skrupellosen Diktatoren (Baby Doc Duvalier von Haiti).

Das alles schreit – wenn es denn wahr ist – nach „Skandal, Skandal“. Es ist aber keine Erklärung für ihren desolaten inneren Zustand, sondern eher eine Folge davon. Ein Mensch, der eine leere, traurige Hülle ist, läßt sich eher von Betriebsamkeit und Anerkennung verführen als einer, der Gott nicht nur dienen will, sondern Ihn in sich selbst erweckt hat.

Mutter Teresas Tragik war, daß sie sich ganz und gar dem alten Glaubensideal vom Leiden verschrieben hatte. So sehr, daß sie sogar das Leiden ihrer Patienten als heilbringend pries. So verweigerte sie Sterbenden schmerzlindernde Medikamente mit der Begründung, sie könnten sich „näher bei Christus fühlen“ im Erleben ihrer Qualen, da sie ja „Christi Leidenserfahrungen nachempfinden“ würden. Dieses Martyrium war in ihren Augen ein „großes Geschenk“ und ein Zeichen, daß Jesus die Leidenden „küßte“, wie sie es nannte. Und dies, während Jesus in ihrem eigenen Leben vollkommen abwesend war: „So viele unbeantwortete Fragen leben in mir, ich fürchte, sie zu offenbaren – wegen meiner Gotteslästerung – wenn es Gott gäbe – bitte vergeben Sie mir – wenn ich versuche, meine Gedanken an den Himmel zu richten – ist dort solch überzeugende Leere, […] Habe ich einen Fehler gemacht, als ich mich blindlings dem Ruf des Heiligen Herzens [Jesu] unterwarf? […] aber mein Gebet der Verbindung [mit Gott] ist nicht länger da – ich bete nicht mehr.“

War es überhaupt Jesus, der sie zu ihrem Dienst in Kalkutta gerufen hatte? Die Wortwahl läßt erhebliche Zweifel zu. Oder war es nur ihre eigene religiöse Verzückung, ein Weg, der Bedeutungslosigkeit zu entrinnen? Wurde sie von Nächstenliebe und Liebe zum „Herrn“ angetrieben oder von persönlichem Ehrgeiz? Stuart Derbyshire kam in einer Buchbesprechung3 zum kritischen Fazit: „Ihre Devotion Jesus gegenüber war der persönliche Versuch, sich von ihrem Kummer zu befreien, und ihre Hingabe an die Armen von Kalkutta Teil ihres Versuchs, sich selbst zu erlösen. Wie bei so vielen anderen Prominenten ging es immer um mich, mich, mich. Dies läßt ihr Werk in einem ganz anderen und viel weniger schmeichelhaften Licht erscheinen.“

Hunger in Ost und West

„Solange das Ego sich in euch breit macht, wird Gott nicht bei euch sein, sondern sich fernhalten. Dem Egoisten sagt er: ‚Du bist nichts als ein kleiner Funken und bläst dich so sehr auf. Ich besitze das ganze Universum und dennoch halte Ich Mich schweigend verborgen. – Wenn ihr Gott habt, habt ihr alles. Dann werdet ihr euch keinem Millionär und keinem Milliardär beugen.“ Der dies sagte, heißt Mukunda Lal Ghosh, besser bekannt unter seinem späteren Namen Paramahansa Yogananda (* 5. Januar 1893, † 7. März 1952). So wie Mutter Teresa als Mensch des Westens nach Indien ging, begab er sich als Inder mit 27 Jahren nach Westen; nach Amerika. Sie, die Westlerin, brachte den ärmsten Indern das, was diese entbehrten: die Notwendigkeiten des materiellen Teils des Lebens – zu Essen und zu Trinken und ein Dach über dem Kopf. Er, der Orientale, brachte Amerika und dem Westen das, was diesem fehlte: Eine präzise Methode, die zur eigenen Gotterkenntnis führt und den Wunsch, das Glück im eigenen Innern und nicht in den Zerstreuungen der äußeren Welt zu suchen. Beide Weltregionen haben ihre Stärke überbetont und wurden so zu Hungernden und Bedürftigen: Der Osten auf der physischen, der Westen auf der geistigen Ebene.

Was Mutter Teresa, wie wir gesehen haben, zum Verhängnis wurde, denn sie wußte nicht, wie riskant das war, was sie vorhatte: sich tagtäglich unter den elendsten Menschen zu bewegen, nur Leid und Siechtum zu sehen, nur Armut und Verwahrlosung und Gottferne. Denn ein Mensch, der gottnah lebt, wird niemals in solch entsetzlichen Umständen vegetieren müssen wie die Parias in den Straßengräben Kalkuttas – außer, er habe sich in einem seiner früheren Leben eine besonders große karmische Schuld aufgeladen, die er nun in einem entbehrungsreichen Leben abtragen muß. Doch auch davon, nämlich, daß es kein Zufall war, daß diese Menschen unter solch erniedrigenden Umständen leben mußten, wußte sie nichts; hat doch die christliche Kirche des Westens die Tatsache der Reinkarnation schon wenige hundert Jahre nach Jesu’ Mission aus den heiligen Büchern verbannt.4

„Zwischen euch und eurer Umgebung sowie den Menschen, mit denen ihr zusammenkommt, findet ein fortwährender Austausch magnetischer Schwingungen statt“, lehrte Yogananda die Amerikaner. „Wenn ihr jemandem die Hand gebt, wird ein Magnet gebildet; d. h., ihr tauscht magnetische Schwingungen aus. Wenn ihr die stärkere oder positivere Person seid, überträgt sich eure Schwingung auf den anderen; seid ihr dagegen die schwächere, empfangt ihr die Schwingungen des anderen. (…) Lehrer und Reformer von eigenen Gnaden, die sich nicht selbst zu schützen wissen, indem sie zuerst einen starken geistigen Magnetismus entwickeln, fallen gewöhnlich den schlechten Schwingungen der Menschen zum Opfer, denen sie zu helfen versuchen.“ Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde dies auch Mutter Teresa zum Verhängnis. Quelle: zeitenschrift.com