„In jedem von uns steckt ein böser Geist“

Von: Ursula Seiler

Zoom auf Los Angeles. Wir sehen einen Ort, wo Neid und Mißgunst wuchern, wo das Geld regiert, wo jeder nur sein Ego pflegt. Wir sehen die höchste Dichte an operierten und fettabgesaugten Menschen, die Gesichter zu pergamentenen Fratzen geplättet, wir sehen hündischen Starkult und feiges Lügen, wir sehen brutale Gewalt in den Slums, wo die Gangs regieren und hören künstliches Gestöhn aus aufgepolsterten Mündern dort, wo Pornos am Fließband produziert werden. Wir sehen lauter selbstverliebte Menschen auf der Jagd nach dem, was sie als Himmel betrachten: Berühmtheit, Prominenz, Status, Reichtum. Die Stadt der Engel ist zur Stadt der Ausgestoßenen und der Erfolgssklaven verkommen, entseelt, sinnleer und ewig selbstbezogen.

Und dieses Stadtungeheuer stellt den modernen Götterolymp! Dieses Stadtmonster ist Sehnsuchtspunkt, Traumziel von Millionen von Menschen auf der ganzen Erde! Etwas muß faul sein auf dem Planeten Erde, daß die Menschheit meint, diese Wüste alles Wirklichen, diese öde, seelenlose Illusionsstadt sei das Gelobte Land, in dem sich das ultimative Glück erreichen ließe. Hollywood selbst hat diesen grotesken Irrtum hervorgebracht. Denn

Hollywood zerstört die Träume der Menschen und impft ihnen falsche ein.

Jeder Mensch kommt mit seinem persönlichen ‚Traum‘, seinem göttlichen Plan auf die Welt. Seine Lebensaufgabe ist es, diesen Plan zu leben. Ob das nun Tiefseeforscher oder hingebungsvolle Mutter ist, Biobauer oder Lehrer, Handwerker oder verantwortungsvolle Managerin: Diesen Traum soll der Mensch mit Hingabe und Ernsthaftigkeit leben, weil er nur darin die höchste Erfüllung finden wird. Hollywood etabliert mit seinem Starkult jedoch eine Glitzerwelt, die sich früh in viele Köpfe nistet, so daß manch ein Mädchen Model statt Kindergärtnerin werden will und schließlich drogensüchtig endet, weggeworfen auf den Müll der Plastikwelt, die nur Hüllen, aber keine Menschen will. Wie es der Dichter Octavio Paz ausdrückte: „Die Menschen von früher hatten Visionen. Wir haben die Television.“

Hollywoods Starkult bewirkt, daß vielen Menschen ein Dasein in der Anonymität – im realen Leben also – als Fehlschlag vorkommt, als Verbannung auf eine unwirtliche, einsame Insel. Und so tun sie alles, um wenigstens 15 Minuten Ruhm zu bekommen, der sie unsterblich machen und ihnen einen Daseinsgrund geben soll. Prominenz ist die neue Erleuchtung, der neue Himmel, nach dem man strebt – obwohl sie häufiger Menschen in die Einsamkeit und ein fehlgeleitetes Leben führt, als daß sie Glück oder gar Seelenfrieden zu geben vermöchte. Denn der Prominente wird irgendwann schmerzhaft erkennen, daß die ‚Liebe‘ von Millionen erdrückend und nicht erfüllend ist – und schon gar kein Ersatz für Selbst-Liebe, die er (vielleicht) niemals entwickelt hat.

Hollywood putscht die Gefühlswelt der Menschheit auf.

Nur starke Reize locken die Menschen ins Kino, und so verabreicht man ihnen wahre Achterbahnen aus Liebe und Schmerz, Horror und Gewalt, Entsetzen und Erlösung und macht damit die Gefühlswelt der Zuschauer süchtig nach solchen Exzessen. Wahres Glück läßt sich aber nur erreichen, indem der Mensch beständig gute Gefühle empfindet. Den aufgeputschten Gefühlskörper wieder soweit zu beruhigen, daß er dazu fähig wäre, ist aber fast ebenso schwer, wie einen Drogensüchtigen zu entwöhnen. Gibt’s keine Action in den Emotionen, wird das Dasein als unerträglich langweilig empfunden. Umso mehr, als

Hollywood alles tut, um den Menschen zu entseelen

– ja, mehr noch, um den Menschen vergessen zu lassen, daß etwas Göttliches in ihm wohnt. Er soll sich permanent mit seinem Äußeren beschäftigen, permanent Vergnügung und Ablenkung suchen (wonach sein außer Rand und Band geratener Gefühlskörper ja schließlich giert) und mit allen Mitteln davon abgehalten werden, ins Innere zu gehen und zu entdecken, daß er nicht nur eine Blechdose ist, die mit irgendwas gefüllt werden muß, sondern daß tief innen Edelsteine funkeln, die ewig und unzerstörbar sind und nur darauf warten, endlich wahrgenommen zu werden und ihn von innen heraus erstrahlen zu lassen.

Hollywood propagiert nicht nur die Unmoral – der Schlauste gewinnt, egal mit welchen Mitteln -, es macht nicht nur ständig christliche Werte lächerlich – mit vertrottelten Priestern und ganzer Tiraden anti-christlicher Flüche – ,es ist auch jener Ort auf der Welt, wo am meisten gelogen wird. Zitat aus der seriösen Neuen Zürcher Zeitung: „In der Filmindustrie wird gelogen. David Shaw (Medienkritiker der Los Angeles Times) hat das Phänomen als ‚Kultur der Unehrlichkeit‘ beschrieben. Vertreter der Filmstudios geben freimütig zu, daß sie lügen. Einige brüsten sich sogar damit, daß sie nicht die Wahrheit sagen. Gelogen wird in Bezug auf die Produktionskosten von Filmen und deren Einnahmen, die Stellenangebote, Entlassungen, Mißerfolge von Kollegen und Geschäftspartnerschaften, die in die Brüche gehen. Rufschädigende Gerüchte über Konkurrenten werden verbreitet, die sich meist als Unwahrheiten herausstellen. Erfahrene Hollywood-Berichterstatter sind sich einig, daß nicht einmal in Washington soviel gelogen wird.“ – Dazu paßt, daß kürzlich aufflog, daß Hollywood fiktive Filmkritiker erfindet, die dann hymnische Besprechungen über mittelmäßige Filme veröffentlichen.

Hollywood lügt auch in Dokumentarfilmen.

Doku-Dramen sind Tragödien, die das Leben schrieb. Hollywood nimmt es mit ihrer Verfilmung nicht allzu genau. Es wird, der Dramatik zuliebe, so faustdick verdreht und gelogen, daß man sagen kann, glaubwürdig ist einzig das Doku-Drama, das nie gedreht wurde. Manchmal werden die Lügen Hollywoods lebensbedrohlich: Der Film Boys Don’t Cry zeigt eine Figur (Lana Tisdel), die Zeugin eines Mordes wird. In Wirklichkeit war Tisdel aber beim Mord nicht zugegen. Der Film indes suggeriert, daß sie den Mord hätte verhindern können. Mit fatalen Konsequenzen: Die Mutter des Ermordeten drohte Lana Tisdel mit dem Tod, zudem verlor sie aufgrund ihrer negativen Darstellung im Film, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte, ihren Job. Niemand hatte sie jemals um Erlaubnis gefragt, ihren wahren Namen benutzen zu dürfen und sie somit dem vernichtenden, aber ungerechtfertigten Urteil der Öffentlichkeit auszusetzen. Dies nur einer von vielen Fällen, wo Hollywood dem Business zuliebe beinahe über Leichen geht.

Hollywood erschafft weltweite Gewalt.

Ein geistiges Gesetz besagt: Wo deine Aufmerksamkeit ist, bist du. Ist meine Aufmerksamkeit auf einen Film voller Gewalt gerichtet, so verbinde ich mich mit dieser Energie. Wie genau geschieht das? Nun, ununterbrochen strömen Elektronen – man kann es auch Chi oder kosmische Energie nennen – durch uns. Beständig werden diese Elektronenströme durch unsere Gefühle und Gedanken qualifiziert. Sehen wir uns einen Film an, der in uns Schauder, Angst, Ekel oder Abscheu hervorruft, dann wird in diesem Augenblick unsere Lebensenergie – jener Elektronenstrom – mit genau jenen Gefühlen geprägt. Da das Gesetz der Resonanz (‚gleich und gleich gesellt sich gern‘) auch im Feinstofflichen gilt, ballen sich all die negativ qualifizierten Elektronen der Abscheu, des Ekels, der Angst, des Horrors etc. zusammen zu gigantischen, düsteren ‚Energiewolken‘. Schauen sich also Hunderttausende oder gar Millionen Menschen den neuesten Hollywoodfilm mit Gewalt- oder Horrorszenen an, erschaffen sie gleichzeitig gigantische Felder destruktiver Energie, die dann um die ganze Erde wabern. Da Elektronen intelligent sind, bilden sich aus diesen destruktiven Gefühlsmustern im Äther gewaltige dunkle Entitäten, die, wenn groß und stark genug, zu einer Art Phantom werden, welches man in der christlichen Mythologie auch Dämon nennt.

Sobald irgend ein Mensch auf Erden nun dieselben Gefühle empfindet, die solch eine destruktive Entität bilden, dockt er gleichsam an diese Entität an und wird als Folge von ‚seinem‘ destruktiven Gefühl regelrecht überflutet. Aus einer Mücke entsteht ein Elefant, aus einem zornigen Schüler wird ein Amokläufer und aus einem verzweifelten Familienvater ein Todesschütze. Solange diese destruktive Energie nicht von Menschen in licht- und liebevolle umgewandelt worden ist, solange wartet sie, Raubtieren gleich, im Äther auf ihre Opfer, die sich nicht erklären können, warum sie von solch übermenschlicher Wut gepackt wurden. In einem solchen Dschungel der destruktiven Gefühle ist es erst recht schwierig, in einen dauerhaften Zustand heiterer Gelassenheit zu gelangen, der notwendig ist, damit sich das Innere Licht des Menschen stärker entfachen kann. Ein weiser Mensch überlegt sich also sehr wohl, welche Szenen, bzw. Filme er anschauen kann, ohne innerlich aufgerührt zu werden – und welche er sich aus genau diesen Gründen lieber erspart. Die wohl

schlimmsten Auswüchse gewalttätiger Hollywoodfilme sind die Nachahmungstäter.

Am 8. März, kurz vor Mitternacht, sank Patsy Byers zu Boden. Niedergestreckt in Ponchatoula, Louisiana, von einer Kugel, welche die 19jährige Sarah Edmondson abgeschossen hatte. Patsy Byers ist seither vom Hals abwärts gelähmt. Einen Tag zuvor hatte ihr Freund, der 18jährige Benjamin Darras mit derselben Waffe William Savage, einen Arbeiter aus Hernando, Mississippi erschossen. In den zwei Nächten davor schluckten die Täter insgesamt 17 LSD-Pillen und schauten sich ein oder zwei Dutzend Mal Oliver Stones Thriller Natural Born Killers an. Der Film handelt von dem (Werbetext) „sexy, aufgestellten, vollkommen psychotischen Pärchen Mickey und Mallory. Heiße Musik, Kunst, Witz und Humor gehören ebenso zu ihrem chaotischen Alltag wie Messer, Pistolen und Kettensägen. Das Pärchen mordet zur eigenen Unterhaltung, für den privaten Kitzel: Serial Killers. Genau das Richtige fürs Fernsehen. Der TV-Journalist Wayne Gale kennt die unersättliche Gier des Publikums nach wahren Gruselgeschichten. Er wittert Morgenluft und will mit den beiden ‚media darlings‘ die Einschaltquoten seiner Show verdoppeln.“ Die ‚zum Morden Geborenen‘ metzeln im ‚perversen Film‘ (Regisseur Stone) nicht weniger als 52 Menschen nieder. Benjamin Darras und Sarah Edmondson, die jugendlichen Täter, bewunderten nach eigenen Aussagen den Film Natural Born Killers. Darras witzelte nach der Ermordung von Savage: „Jetzt bin ich ein richtiger natural-born killer.“ Der Nachahmungstäter sind jedoch noch mehr: John Lennons Mörder Mark Chapman wollte The Catcher in the Rye (Der Fänger im Roggen) imitieren, als er vor dem Dakota-Haus den Ex-Beatle erschoß. Ronald Reagan-Attentäter John Hinckley kopierte 1981 Robert de Niros Figur aus Taxi Driver. Jonathan Demmes The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer) provozierte mehrere Vergewaltigungen. Und nach den Premieren der Ghettofilme Do the Right Thing, New Jack City und Boyz’n the Hood brannten amerikanische Innenstädte. Die jugendlichen Amokläufer an der Columbine High School in Littleton, Colorado, waren Fans der gewaltstrotzenden Filme von Quentin Tarantino gewesen und hatten sich mit ihrer Bluttat nicht zuletzt Unsterblichkeit erhofft, indem Tarantino ihre Tat später filmisch verewigen möge.

Auch wenn Hollywood gegen den Irakkrieg war, so war es doch, geistig gesehen einer der größten Kriegstreiber. Denn diese Berge von Gewalt, die es im Äther der Erde tagtäglich erzeugt, sollen genauso beschäftigt werden wie die Waffenindustrie.

Doch was sollte man auch anderes erwarten von künstlerisch vielleicht begabten, geistig jedoch verarmten Regisseuren wie Tarantino, Demme oder Stone? Offenbarte Letzterer doch in einem Spiegel-Interview sein ungeschminktes Credo hinsichtlich der Natur des Menschen: „Die Natur ist gewalttätig, alle Menschen sind es.“

Quelle: zeitenschrift.com