Maria Magdalena: Weder Göttin noch Sünderin

Was haben die schwarzen Madonnen mit Maria Magdalena zu tun? Weshalb wird sie fast immer mit langen roten Haaren dargestellt? Warum gibt es in der Bibel so viele Marien? Und wer heiratete bei der „Hochzeit zu Kana?“ Lesen Sie hier die erstaunlichen Entschlüsselungen jahrhundertealter Mythen.

Es waren die Tempelritter gewesen, welche die mächtigen Notre-Dame-Kathedralen von Frankreich erbauen ließen. Sie wollten so das weibliche Prinzip in der mittelalterlichen Gesellschaft wieder verankern. 1307 wurde der Ritterorden, nachdem er der Ketzerei bezichtigt worden war, zerschlagen. Mit seinem Untergang verschwand auch der Geist dieser großartigen Baukunst. Wichtigster Glaubenssatz der Templer war das kosmische Gesetz der Harmonie zwischen den männlichen und weiblichen Kräften, dessen steinerner Ausdruck die Kathedrale von Chartres ist (vgl. Chartres: Harmonie in Stein). Die wunderbaren „Fensterrosen“ aus vielfarbigem Glas sind ein Beispiel für das Wiedererwachen des Weiblichen unter den Baumeistern der mittelalterlichen Kirchen zu Ehren „unserer Herrin“ (Notre Dame).

Die 1969 heilig gesprochene Maria Magdalena mit dem Alabasterkrug, der das kostbare Salböl enthielt. (Carlo Dolci, 17. Jh.)

Kaum jemand weiß indes, daß die großen Notre-Dame-Kathedralen ursprünglich nicht etwa Mutter Maria geweiht waren, sondern Maria Magdalena, der Gefährtin des Herrn. So besitzt Chartres das berühmte „Magdalena-Fenster“, das die Salbungsszene von Bethanien zeigt. Auch hatte der Patron der Tempelritter, der Heilige Bernard de Clairvaux, den Orden im Jahre 1129 ausdrücklich auf Maria Magdalena eingeschworen, die er in einem seiner Werke ganz unverblümt „die Braut Christi“ nannte.

Für diese Eingeweihten der esoterischen Lehre versinnbildlichte Maria Magdalena das weibliche Prinzip der Weisheit oder Erleuchtung, weshalb sie im mittelalterlichen Frankreich und Flandern sogar im Volksmund „Notre Dame de Lumière“ (Unsere Herrin des Lichts) genannt wurde. Das Licht („Lumière“) symbolisierte nämlich die höchste Weisheit, von den Griechen einst als „Sophia“ verehrt.

Die schwarze Madonna

Es ist kein Zufall, daß man die Kathedrale von Chartres über einer uralten Kultstätte der schwarzen Madonna errichtete. Deren Herzstück, die „Madonna unter der Erde“, wurde erst Mitte des 16. Jahrhunderts zerstört. Im Mittelalter entwickelte sich Chartres zu einem berühmten spirituellen Zentrum und gar zum Sitz eines Kultes um die „Maria-Sophia“.

Die Verehrung der schwarzen Madonna begann im 1. Jahrhundert im südfranzösischen Languedoc; sechzehn Jahrhunderte später gab es in Frankreich bereits über zweihundert dieser ornamentalen schwarzen Madonnen. Sie tragen übrigens keine negroiden Gesichtszüge – ihre Hautfarbe ist einfach schwarz. In einem christlichen Traktat aus dem 3. Jh. finden wir die Erklärung dafür: Die Weisheit (Sophia) sei schwarz, weil sie bereits im Chaos existiert habe, noch bevor die Welt erschaffen wurde. Unter der Sophia verstand man eben den „Geist Gottes, der über den Wassern schwebte“, welcher der Welt das Licht brachte, als „die Finsternis über der Tiefe war“ (Genesis 1:2). Jetzt ist klar, wen die schwarze Madonna tatsächlich darstellt: niemand anders als Maria Magdalena, die Hüterin der Weisheit.

Maria Magdalena als Symbol göttlicher Erleuchtung steht so ganz im Widerspruch zum Bild der „sündigen“ und „büssenden“ Magdalena, die von den römischen Kirchenvätern sogar böswillig mit der namenlosen Ehebrecherin im Neuen Testament gleichgesetzt wurde. Sie standen damit nicht allein, hatten doch einst die Römer der griechischen Göttin Sophia verächtlich den Übernamen „Porne“ verpaßt. Wenn also Maria Magdalena eine Verkörperung der Sophia war, dann machte man sie eben auch zur „Porne“ – zu einer Hure.

Doch die eingeweihten Künstler des Mittelalters ließen sich davon nicht in die Irre führen und stellten die Magdalena oft mit langem rotem Haar dar, was damals – anders als heute – kein Hinweis auf Verruchtheit war. Vielmehr galt langes Haar als ein Symbol der Keuschheit, weil eine Frau damit selbst dann ihre Blößen bedecken konnte, wenn sie nackt war. Und das Rot ihrer Haare symbolisierte nichts Geringeres als königliches Blut.

Maria Magdalena soll von königlichem Geblüt gewesen sein? Ganz genau, behauptet der britische Autor Laurence Gardner in seinem Buch Hüterin des heiligen Gral . Alten Quellen zufolge entstammte Maria Magdalena dank ihrer Mutter Eucharia dem Königsgeschlecht der Makkabäer. Sie waren die letzten legitimen Herrscher Palästinas gewesen, bevor Jerusalem an die Römer fiel. Magdalenas Vater soll Syro oder Syrus gewesen sein, ein Edelmann aus Syrien. Der im 13. Jahrhundert lebende Genueser Erzbischof Jacapo di Voragine behauptete indes in seinem Werk Das Leben der Maria Magdalena, Syro sei Oberpriester aus dem Priestergeschlecht von Jairus gewesen und damit der höchste Priester von Galiläa.

Wie dem auch sei, fest steht, daß Maria Magdalena Jesus im Norden Israels – in Galiläa – kennenlernte (denn Jesus selbst stammte nicht aus Judäa und war daher kein Jude, wie gemeinhin behauptet wird, sondern ein Galiläer). Sie stammte auch nicht aus dem Fischerdorf Magdala, sondern aus Kapernaum, einem größeren Hafenort am See Genezareth.

„Magdalena“ war denn auch keine Herkunftsbezeichnung, sondern ein Ehrentitel, der einebestimmte soziale Stellung in der Essener-Gemeinde anzeigte. Das zugrundeliegende hebräische Wort „magdal-eder“ taucht schon im Alten Testament auf (Micha 4:8) und bedeutet „Wachturm der Herde“. Bischof Jacapo hatte deshalb irrtümlich geschrieben, Maria Magdalena habe das Erbrecht auf die Burg von Bethanien besessen, welche es gar nicht gab. Tatsächlich war sie die geistige Hüterin oder Beschützerin der Gemeinde von Bethanien.

Eine Priesterin der Essener

Maria Magdalena war nämlich nicht nur adliger Herkunft, sondern auch eine geweihte Priesterin der Essener. Das Wort „Maria“ war damals nämlich ebenfalls weit mehr als nur ein Name. Es stammt aus dem Ägyptischen und bedeutet „Geliebte“. Mit dem Wort „Maria“ bezeichneten die Essener speziell ausgewählte Mädchen, die zu Priesterinnen und künftigen Gemahlinnen dynastischer Ehen erzogen wurden. Aus diesem Grund gab es im Umfeld von Jesus so viele verschiedene Marien, was in späteren Jahrhunderten auch zu einiger Verwirrung und Mißverständnissen führte. Denn die ganze Familie von Jesus gehörte dieser spirituellen Bruderschaft von Mystikern an, die sich unter anderem auf Pythagoras berief und bekannt war für ihre Heilkunst.

So steht denn auch im apokryphen Philipp-Evangelium: „Drei gingen immer mit dem Herrn… seine Schwester, seine Mutter und seine Lebensgefährtin. Eine jede von ihnen war eine Maria.“ Im Gegensatz dazu schlich sich in der folgenden Bibelstelle ein kleiner aber folgenschwerer Übersetzungsfehler ein: Im Markus-Evangelium (Kapitel 6, Vers 3) liest man nämlich, Jesus sei „der Sohn Marias“ gewesen – doch im Urtext steht „der Sohn einerMaria“.

Heute wissen wir ziemlich genau, wie das soziale Leben der Essener geregelt war. Dies verdanken wir den Aufzeichnungen des Historikers Flavius Josephus (ca. 37 bis 100 n. Chr.), der in seinem Werk Jüdische Altertümer die Sitten der damaligen Zeit akkurat festhielt, sowie den in den Qumran-Höhlen am Toten Meer gefundenen Essener-Schriftrollen. Ein Mädchen, das den Titel einer „Maria“ trug, war zur Priesterin bestimmt und wurde in einer keuschen klösterlichen Umgebung erzogen, wo sie strengen moralischen Regeln unterworfen war. Warum aber steht dann in der Bibel, von Maria Magdalena seien „sieben Dämonen ausgefahren“ (Lukas 8:2)? In seiner historischen Rede im Jahr 951 setzte Papst Gregor I. diese sieben Dämonen mit den sieben Todsünden gleich, die nach der Lehre der römischen Kirche ewige Verdammnis nach sich ziehen: Maria Magdalena habe– so Gregor – Zorn, Neid, Habsucht, Wollust, Völlerei, Trägheit und Hochmut überwunden – was natürlich impliziert, daß die „sündige“ Magdalena ursprünglich all diesen Lastern erlegen war.

Doch die Wahrheit ist ganz anders. Als nonnenhaft erzogene „Maria“ unterstand Magdalena während ihrer Ausbildung sieben Oberpriestern, die für die geistige Reinheit ihrer Schützlinge verantwortlich waren. Diese Hüter nannte man „Dämonen-Priester“, wobei das griechische Wort daimonion noch nicht den teuflischen Inhalt von heute hatte. Damals verstand man unter dem Begriff „Dämon“ die feine, leise Stimme des Gewissens – oder wie es Sokrates einst ausdrückte: Gott im Innern (vgl. ZeitenSchrift Nr. 20).

Die bildhafte und falsch interpretierte Umschreibung von den sieben „Dämonen“, die von Maria Magdalena „ausgefahren“ sind, will uns ganz einfach sagen, daß die junge Frau aus der Obhut ihrer spirituellen Lehrmeister (der „Dämonen-Priester) entlassen wurde und nun bereit war für eine priesterliche Heirat – eine Heirat mit Jeshua-bar-Joseph aus Zippori. Quelle: zeitenschrift.com

„Die erfolgreichen Menschen sind jene,
die sich Dinge ausdenken,
die auszuführen der Rest der Welt beschäftigt ist!“
Don Marquis