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Auf den Spuren unserer Lebensmittel

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Wenn wir mit dem Einkaufskorb den nächsten Supermarkt aufsuchen, sind wir uns meist nicht bewußt, was unser Konsum hinter den Kulissen der makellosen Produkte und ihrer Werbung anrichtet. Deshalb gilt: Erst einmal hinschauen und erkennen, was die heutige zerstörerische Produktionsweise unserer Lebensmittel tatsächlich bewirkt.

Haben Sie den Kinofilm We feed the World gesehen? In Österreich ist der Film von Erwin Wagenhofer aus dem Jahre 2006 der erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Mit eindrücklichen Bildern wird ein Einblick in die globalen Prozesse der Nahrungsmittelproduktion vermittelt und aufgezeigt, weshalb die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft kein Weg für die Zukunft ist. Zum Beispiel beim Gemüseanbau in Südspanien: Ein Gewächshaus steht hier neben dem anderen. Insgesamt 30’000 Gewächshäuser auf 35’000 Hektar, die nur von Straßen und Wegen voneinander getrennt sind. Eine nicht endende Landschaft aus Glas- und Plastikdächern. Fruchtbare Erde braucht hier niemand mehr. Um nur einige der Probleme dieser Produktionsweise zu erwähnen: Massiver Wassermangel in einer großen Region, verursacht durch den massenhaften Anbau von Früchten und Gemüse, unfaßbare Arbeits- und Lebensbedingungen der Wanderarbeiter, welche die Produkte ernten, und lange Transportwege, welche die Umwelt belasten. Jeder Mitteleuropäer ißt im Jahr durchschnittlich zehn Kilo Gemüse aus den Treibhäusern von Almeria in Südspanien. Doch auch in Marokko und Italien, in Griechenland und Israel wird inzwischen unter ähnlichen Bedingungen produziert.

Die Arbeitsbedingungen, die in den Gewächshäusern Andalusiens herrschen, wären den spanischen Gesetzen zufolge eigentlich illegal. Häufig sieht es jedoch so aus: miserable Bezahlung, zum Teil gerade einmal fünfzehn Euro pro Tag, kein Arbeitsvertrag sondern Tagelöhnerbedingungen, ständige Belastung durch Pestizide, kaum Chancen auf eine Wohnung und damit keine Aussicht auf einen legalen Aufenthaltsstatus. Unter solchen Bedingungen werden Lebensmittel produziert, die diesen Namen eigentlich nicht verdienen, denn sie sind durch Pestizide belastet, oft fade und geschmacklos, weil sie zu früh geerntet wurden – wodurch die Pflanze die lebenswichtigen Glykonährstoffe,1 aber auch Vitamine, Mineralien und weitere Pflanzennährstoffe nicht ausbilden konnte – vor allem aber, weil sie ohne Liebe produziert wurden.

Die Bauern über den Tisch ziehen

We feed the world. So lautet das Motto des amerikanischen Konzerns Pioneer Hi-Bred, dem heute führenden Saatguthersteller. Mit Monsanto gibt es nur ein weiteres Unternehmen, das man als eine Art Konkurrenz bezeichnen kann. Pioneer gehört mittlerweile zum Chemie- und Pharmariesen DuPont. Karl Otrok, der ehemalige Produktionsdirektor der Firma in Rumänien, geht mit der Geschäftspolitik seines früheren Arbeitgebers scharf ins Gericht: „Wir haben den Westen ausgetrickst, und jetzt kommen wir nach Rumänien und werden hier die ganze Landwirtschaft über den Tisch ziehen“, sagt er in die laufende Kamera von Erwin Wagenhofer.

Rumänien wird bald einer der größten Märkte der Europäischen Union sein. Ziel ist, die reicheren Länder des Kontinents mit billigem Gemüse und Obst, aber auch mit Getreide und Speiseöl zu versorgen. Im Film nimmt Karl Otrok zwei Auberginen zur Hand, die eine das oberflächlich schöne Produkt von Hybridsamen, die andere farblich uneinheitlich und krumm wie ein Säbel: „Der Hybridmelanzane schaut natürlich sehr schön aus, ist aber geschmacklich nicht das, was diese Melanzane da kann, die von Körnern immer weiter verpflanzt wird…“ Bis vor ein paar Jahren erklärte der inzwischen pensionierte Agroingenieur den Bauern im Osten die neuen Spielregeln der globalen Landwirtschaft: Wer überleben wolle, müsse seine Erträge steigern – so wie es Pioneer-Landwirte rund um die Welt von Äthiopien bis Mexiko vormachen. Dafür habe seine Firma das optimale Saatgut: hochgezüchteter Mais, der so oft mit sich selbst bestäubt wird, daß er Bombenerträge verspreche. Da solches Saatgut jedoch nur für eine Aussaat taugt, muß der Bauer dieses jedes Jahr neu kaufen. Das war für die rumänischen Bauern ungewohnt und vor allem so teuer, daß sie sich das Hybridsaatgut gar nicht leisten konnten. Deshalb subventionierte die rumänische Regierung das moderne Saatgut zunächst.

Dieses System, würden es die Bauern in Rumänien nur wissen, führte in den USA zu Überproduktion, Preiszerfall und noch mehr Subventionen. Und vor allem: In Rumänien sind die Subventionen inzwischen weggefallen, die Bauern müssen den vollen Preis zahlen – wenn sie das überhaupt können. Nahezu die Hälfte der Rumänen arbeitet heute noch in der Landwirtschaft. „In fünf Jahren werden es noch drei Prozent sein“, sagt Otrok, der heute für „kleinere Strukturen“ plädiert.

Billiges Gemüse und Obst aus dem Ausland, das von Schutzzöllen befreit ist, bedroht die Existenz der einheimischen Bauern. Was passieren kann, sieht man am Beispiel Afrika: Aufgrund der Verträge der EU mit den AKP-Staaten2 gelangt subventioniertes EU-Gemüse aus Überschüssen (unter anderem aus den Treibhäusern von Almeria) nach Afrika, zum Beispiel auf den Sandaga-Markt in Westafrika: „Wenn sie auf den Sandaga-Markt gehen, können sie europäisches Gemüse, europäische Früchte, europäische Kartoffeln zu einem Drittel der einheimischen Preise kaufen“, kritisiert Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. „Von den 52 Staaten Afrikas sind 37 fast reine Agrarstaaten. Das europäische Dumping zerstört ihre Landwirtschaften. Der senegalesische Bauer, auch wenn er 18 Stunden am Tag arbeitet, unter brennender Sonne, mit letztem Einsatz, der hat überhaupt keine Chance mehr, das Auskommen zu finden auf seinem eigenen Boden. Was muß er tun? Wenn er noch die Kraft hat, emigriert er, unter Todesgefahr, über die Meerstraße von Gibraltar.“ Die immer zahlreicheren Schwarzafrikaner, welche mit einfachsten Booten versuchen, über das Meer nach Spanien zu gelangen, sind meist Wirtschaftsflüchtlinge – sie flüchten aufgrund einer von Profitgier bewußt fehlgeleiteten Politik der EU. Das System hat Methode, denn das Überschwemmen schwacher Märkte mit zu Tode subventionierter Ware ist nicht allein ein europäisches Phänomen. Die USA haben auf diese Weise schon viele Märkte ruiniert und damit für ihre eigene Baumwolle, Reis und Mais dauerhaft Absatzmöglichkeiten gesichert.

Ein anderes ernstes Problem in der afrikanischen Landwirtschaft erklärt Martha Musyoka aus Kenia, Projektleiterin von Bio-Vision, eine Schweizer Organisation, die sich für die nachhaltige Verbesserung der Situation für Mensch und Natur in Afrika einsetzt: „Wenn Sie durch unser Land reisen, sehen Sie fast in jedem Dorf Läden mit allen möglichen Pestiziden, Fungiziden und Kunstdüngern. Einerseits sind in entwickelten Ländern viele dieser Chemikalien längst verboten, andererseits können unsere Bauern – oft Analphabeten – überhaupt nicht damit umgehen.“ Die Bauern vergiften sich selbst, die Umwelt und den Boden mit Chemie. „Krebs, Allergien und andere Krankheiten, die bei uns früher kaum bekannt waren, nehmen enorm zu“, äußert sich Musyoka gegenüber der Coop-Zeitung, der größten Schweizer Konsumentenzeitung.3 Darum würden immer mehr kenianische Ärzte biologische Nahrungsmittel empfehlen, und die Nachfrage nach Bio-Produkten nehme entsprechend stark zu. Wie wichtig eine biologische Produktionsweise in Afrika auch von offizieller Seite eingeschätzt wird, zeigt die Aussage des Schweizer Botschafters für Ostafrika, Georges Martin: „Wenn wir nicht an schlechten oder an zu wenig Nahrungsmitteln sterben wollen, dann muß nicht nur Kenia, sondern ganz Afrika biologischer werden.“ Denn, was bei Bio-Projekten in Afrika wesentlich ist: Im Unterschied zu den Bauern, welche abhängig sind von Saatgut und Spritzmitteln von Pioneer, resp. DuPont, erhalten biologisch wirtschaftende Bauern faire Preise.

Verheerende Fleischproduktion

Weltweit hungern über 852 Millionen Menschen trotz einer weltweiten Getreideernte von 1,57 Milliarden Tonnen (Daten von 2006). Bei einer Weltbevölkerung von rund 6,6 Milliarden gäbe es rein rechnerisch für jeden Menschen pro Tag 652 Gramm Getreide. Doch knapp die Hälfte der globalen Getreideernte und 90 Prozent der jährlichen Erträge von Sojabohnen landen in den Trögen der weltweit 20 Milliarden Nutztiere. Die Tierzucht beansprucht weltweit 70 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes. Es ist allgemein bekannt, daß man 7 bis 16 Kilogramm Getreide braucht, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen. Auf der dafür benötigten Fläche ließen sich im selben Zeitraum 200 Kilogramm Tomaten oder 160 Kilo Kartoffeln ernten. Bei der Umwandlung von Getreide in Fleisch (eigentlich sollten sich Viehherden ausschließlich von Gras ernähren können) gehen durch diese künstliche Verlängerung der Nahrungskette 99 Prozent Eiweiß, 99 Prozent Kohlenhydrate und 100 Prozent Faserstoffe verloren. Fleischverzehr ist also die effektivste Form der Nahrungsmittelvernichtung.

Seit dem Jahr 2000 ist die Beimischung von Tiermehl ins Tierfutter verboten, denn Tiermehl gilt als die Ursache des Rinderwahns. Die Tierabfälle, hergestellt aus Knochen, Sehnen und anderen nicht in die Fleischproduktion gelangten Teilen, wurden als Mehl in das Tierfutter gemischt und damit zum Beispiel Rinder – klassische Pflanzenverwerter – zu einem ihnen eigentlich fernliegenden Kannibalismus gezwungen. Nach dem Verbot brauchte es dringend einen Ersatz für den eiweißhaltigen Stoff, der beim Vieh für schnelles Wachstum sorgte. Der Ersatzstoff hieß Soja. Also gab es plötzlich einen riesigen Bedarf an Soja, der auf dem Weltmarkt nicht über Nacht zu decken war. Im Buch We feed the world, mit vielen Hintergrundinfos zum Film, erklärt Erwin Wagenhofer: „Das war die Stunde der Goldgräber. Der Großgrundbesitzer Blairo Maggi aus dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso begann in Windeseile, ein einzigartiges Projekt umzusetzen. Er vervielfachte den Sojaanbau auf dem Grund seiner Familie und wurde mit seiner Grupo Amaggi schnell zum größten Sojahersteller der Erde – und das mitten im Regenwaldgebiet des Amazonas.“ Und seither werden immer größere Gebiete des Urwaldes gerodet – aus einem einzigen Grund: um Soja anzupflanzen, welches dem Mastvieh verabreicht wird, damit es, aus reiner Profitgier, schneller wächst. Gesichert ist, daß mehrere zehntausend Quadratkilometer Regenwald allein dem Sojaanbau zum Opfer gefallen sind. Und dies einzig, um den Hunger nach Fleisch in Europa zu stillen. Oder mit anderen Worten: Die europäischen Tiere fressen den Regenwald von Amazonien und vom Mato Grosso auf.

Daneben hungern in ganz Brasilien Menschen. Die Regierung spricht von einem Viertel der Bevölkerung, also etwa 40 Millionen Menschen, die weder die Möglichkeit besitzen, sich selbst von ihrem eigenen Land zu ernähren, noch die finanziellen Mittel haben, um sich ausreichend Nahrung zu kaufen. Quelle: zeitenschrift.com

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